Beim Versuch, den Schlüssel zu meinem priesterlichen Dienst zu finden, kam mir ein Wort unter, das mir einen Zugang zu dem eröffnete, was und wie das zwischen mir und meinem Gott war und wohl noch immer ist. Paula D'Arsy, eine begnadete Frau, sagte einmal: "Gott kommt zu uns in der Verkleidung unseres Lebens."
Was meinte sie mit diesem Wort? Sie wollte doch damit sagen, dass Gott nicht vor allem im Sturm und Feuer, nicht im Erdbeben, nicht in spektakulären Ereignissen, nicht in großen Visionen zu uns kommt. Gott liebt einen anderen Weg. Er kommt in der Stille des Alltags, meist im Gewöhnlichen, im Gegenwärtigen, unspektakulär, nicht plakativ, oft unbemerkt. Er kommt wie einer, der um die Intimität weiß und sie achtet, die eine Begegnung mit ihm braucht, weil es um ein Geschehen geht, das mit Liebe zu tun hat.
Das Jenseits ist im Diesseits zu finden, in der Verkleidung unseres Lebens
Mein Leben war nicht spektakulär. Alltag war es meist, stiller, gewöhnlicher
Alltag. Unspektakulär war einmal meine Berufung zum Priestertum.
Wir spielten am Dorfbach, meine Freunde und ich und bauten ein Wasserrad. Da
rief mich mein Vater: "Komm, Bub." Unwillig folgte ich dem Ruf. Beim
Vater stand ein mir fremder Mann. Er sah mich von oben bis unten an und sagte
dann schlicht: "Passt." Das ist meine Berufungsgeschichte. Es war
Krieg und dieser Priester wanderte durch das Land und suchte Buben, die vielleicht
einmal Priester werden wollten. Im Herbst begann ich mein Studium am Akademischen
Gymnasium in Graz. Bischöfliches Seminar gab es keines, die Mächtigen
der damaligen Zeit erlaubten es nicht.
Ohne viele quälenden Stunden und Überlegungen ging ich nach der Matura ins Priesterseminar. Mein Vater, der mich zuvor nie nach meinem Berufswunsch gefragt hatte, sagte Ja, als ich ihn bat, ob ich an die Universität gehen dürfe. Da kam erstmals die Frage von ihm: "Und was willst du denn studieren?" "Theologie", sagte ich leise. Mir schien, als ob diesem Mann, der für seine Familie unermüdlich und hart arbeitend sorgte, ein paar Tränen über seine Wangen rollten. "Ist gut Bub", sagte er dann noch.
Da wurde ein junger Mensch behutsam geführt und begleitet. Der Freiraum für eine persönliche Entscheidung wurde sorgfältig gewahrt und diese fand ihren selbstverständlichen Platz, unaufgeregt, demütig und dankbar im Leben und Glauben der Familie.
Betende Eltern vermögen viel. Unser Leben war bescheiden. Fünf Kinder galt es mit einer kleinen Landwirtschaft zu ernähren. Der Glaube machte unsere kleine enge Welt weit und hielt sie offen für das Inwendige, das Große, für die Welt Gottes. Ich meine, dies ist auch für heute noch ein gültiger Weg, damit junge Menschen die Spur zu diesem ungemein erfüllenden und unverzichtbaren Beruf finden - zum Priestertum.
Leben in Fülle
Und dann muss ja noch von jener Nacht geredet werden, in der sich die Entscheidung,
mit diesem Jesus zu gehen, verdichtet hat: Es ist die Nacht vor der Priesterweihe.
Da fängt man schon an, in dem Heiligen Buch zu blättern, das das Lebensbuch
im Ursinn des Wortes für den Priester ist. Ich bin beim Johannesevangelium
hängen geblieben, beim 10. Kapitel, Vers 10: "Ich bin gekommen, damit
sie das Leben in Fülle haben", so sprach er, mit dem ich mitgehen
wollte. Mein ganzes Priesterleben ließ mich dies Jesuswort nicht mehr
los.
Da war ein Gottesbild niedergeschrieben, das zu meinem wurde. Das sollte für mich die Spur werden, auf der ich mit den mir Anvertrauten unterwegs sein wollte. Es ist die Spur Gottes zum Menschen. Ruhig und bereit habe ich mich dann im Dom zu Graz klein gemacht, ausgestreckt am Boden dieses heiligen Ortes. Mein Weg zum Priestertum war unspektakulär, aber tief, so meine ich sagen zu dürfen.
Die wirklich großen Dinge des Lebens und der Welt passieren wohl so. Es war ein guter Anfang meines priesterlichen Lebens, der mich durch 55 Priesterjahre hindurch prägte. Mit den Menschen - zuerst den Jungen, dann in der Pfarre und in zentralen Diensten - unterwegs sein zu dürfen, um an Hand dieses Mannes aus Nazareth die Spur des Lebens zu entdecken, eines Lebens das bleibt, war eine spannende Sache. Ja, aber eine, die meist versteckt war in der Verkleidung des Alltags, mit all dem, was dazu gehört. Mein Leben ist auf diesem Weg reich geworden.
Willibald Rodler