Das „Mehr“ im Leben entdecken

Interview mit Sr. Christine Rod

Ab Herbst lädt die Ordenskonferenz wieder zu zwei Lehrgängen ein: zum Lehrgang Spiritualität unter dem Titel „glauben und leben“ und zum Führungskräfte-Lehrgang „führen und leben“. Im miteinander-Gespräch erläutert die Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz, Sr. Christine Rod, was die Teilnehmenden dabei erwartet. Das Gespräch führte Henning KLINGEN

miteinander 7-8/2026

miteinander 7-8/26

Viele Menschen verwenden die Begriffe Religion, Spiritualität und Glaube inzwischen synonym. Warum ist das so – und wie lassen sich die Begriffe trennschärfer verwenden?

Manchmal gibt es eine Begriffsverwirrung. Diese drei Bezeichnungen werden irgendwie alle für das Phänomen „andere, größere Wirklichkeit“ verwendet. Manchmal werden sie auch gemieden. „Religion“ ist für moderne Zeitgenossen oft einmal das Schwierigste: Der Begriff wird mit vorgegebener Religionsgemeinschaft assoziiert, mit einem strikten Regelwerk, das unfrei macht. Und tatsächlich: Religion hat mit „sich binden“ zu tun; also nicht nur „links und rechts“ herumsuchen und ausprobieren, sondern bei einer Spur der Orientierung bleiben und in der Treue merken, welche Kraft darin liegen kann. Der derzeit geläufigste Begriff ist „Spiritualität“; er ist auch der vielseitigste, manchmal sogar der schillerndste. Wie eine „Wunderbox“, in die alles, was über alltägliche Erfahrungen hinausgeht, hineinkommt. Ich persönlich spreche am ehesten von „Glaube“ und „glauben“. Das zugrundeliegende Wort ist das althochdeutsche „galuban“. Da erkennt man bei genauerem Hinschauen, dass es um „geloben“ und um „lieben“ (love) geht. „Geloben“ ist ein sehr feierlicher Begriff, aber jeder Mensch, der z. B. geheiratet und dabei feierlich etwas gelobt hat, weiß, dass es hier um die Hoffnung auf ein erfülltes Leben geht. Und das Lieben ist sowieso etwas, das einen nicht kalt lässt.

 

Die Lehrgänge folgen einem langen Weg, der Spiritualitäten unterschiedlichster Art aufzeigt – von den biblischen Quellen über die spezielle Spiritualität der Orden bis hin zu politischer Spiritualität. Worin berühren sich diese Spiritualitäten?

Die Lehrgänge haben ein klares Profil, nämlich: christliche Spiritualität. Es ist ein großes, weites, reiches, vielfältiges Feld, weil christliche Spiritualität eben eine unendliche Fülle an Lebens- und Glaubensthemen umfasst. Konkret heißt das: Die Lehrgänge bestehen aus vier bzw. acht Seminaren. Die Schwerpunktsetzungen sind: Jesus Christus, Orden, Kirche, Mystik und Politik, Liturgie und Gebet, Scheitern und Versöhnung usw. Im anderen Fall geht es um klassische Spuren von Spiritualität: benediktinisch, ignatianisch, vinzentinisch usw. Es sind verschiedene Fokussierungen mit verschiedenen Referierenden und jedes Mal bleibt am Ende eines solchen Seminars der Eindruck: „Spannend, ich wusste gar nicht, dass es da so vieles zu erkennen und zu erkunden gibt. Ich möchte mir noch mehr davon aneignen, mich noch mehr vertiefen.“

 

Beide Lehrgänge finden bewusst an Ordensstandorten statt. Welche Rolle spielt dieses Eintauchen in den Ordensalltag für den Lernprozess?

Wenn die Ordenskonferenz Seminare anbietet, dann will sie natürlich, dass die Teilnehmenden auch etwas vom „Stallgeruch“ und von der Gastfreundschaft der Orden mitbekommen. Wir teilen allerdings nicht wirklich den Klosteralltag mit der Gemeinschaft vor Ort, auch wenn es schon vorgekommen ist, dass Teilnehmende regelmäßig bei den Benediktinern um 6 Uhr in der Früh zum Gebet kommen. Aber was wir teilen, ist der Rhythmus von Arbeiten und Beten. Wir haben am Vormittag und am Nachmittag Seminareinheiten, d. h. es gibt Referierende (darunter auch viele Ordensleute) mit Impulsen, aber es gibt auch Zeiten des persönlichen, biografischen Austauschs und selbstverständlich Zeiten, in denen – je nach Thema – Fachliches erörtert wird.

Was vielen Teilnehmenden besonders kostbar ist: Wir beten in der Früh, zu Mittag und am Abend. Am Morgen und am Abend üben wir uns in der Meditation: Da gibt es ein Lied zu Beginn, viel Stille (mit Anleitung) und zum Schluss einen Segen. Mehr nicht, aber genau diese Reduktion auf das Dasein vor Gott und mit Gott ist wichtig.

In der Ausschreibung findet sich der Text von Martin Luther „Über das Werden“. Was hat das „Werden“ mit Spiritualität zu tun?

Glaube und Spiritualität sind Entwicklungswege, Übungswege, niemals ganz fertig. Viele Menschen sind in ihrem Kinderglauben stehen geblieben. Klar, dann wird Glaube irgendwann einmal langweilig, wird nichtsagend für ein erwachsenes Leben; wie ein zu eng gewordenes Kleid. Diejenigen, die zum Lehrgang kommen, sind in einer Suchbewegung. Sie haben mehr oder weniger von christlicher Spiritualität gehört, sie stehen näher oder ferner der Kirche, aber sie „riechen“ oder ahnen oder vermuten, dass es doch ein „Mehr“ im Leben und im Glauben gibt. Das zu erkennen und zu erleben, wird von den Teilnehmenden als befreiend und auch nahrhaft erlebt. Und was sie auch entdecken: Es ist unendlich viel schwieriger, allein auf einem solchen Weg unterwegs zu sein als gemeinsam mit anderen. Im Lehrgang finden sie den Austausch mit Menschen, die vielleicht – gesamtgesellschaftlich gesehen – ebensolche „Sonderlinge“ sind wie sie selbst, weil persönliche Spiritualität für viele zu den großen Tabus gehört. Da tut es gut, Weggefährten und Weggefährtinnen zu finden, auch wenn jeder wieder seinen eigenen Weg geht.

 

In den letzten Jahren lässt sich ein wachsendes Interesse an Spiritualität beobachten. Was können die Orden in diesem Feld einbringen, das anderswo nicht so leicht zu finden ist?

Spiritualität, Glaube, Religion – diese Dimension gehören zur Freiheit von Menschen. Nichts ist freier und persönlicher. Orden und Ordensleute haben öffentlich versprochen, dass sie ihr Leben auf Gott ausrichten wollen, dass sie das gemeinsam mit anderen tun und dass sie sich – ebenfalls gemeinsam mit anderen – für ein gutes Leben aller einsetzen wollen. Seit vielen Jahrhunderten gibt es diese Lebensform, d. h. Orden sind nicht nur Teil einer (manchmal weltweiten) Gemeinschaft, sondern auch einer langen Tradition. In dieser langen Zeit haben sich Geschichte und Geschichten, Weisheiten und Glaubenserfahrungen angesammelt. Aus diesem lebendigen „Fundus“ leben sie selbst und teilen sie für andere aus. In der Konzeptionsphase dieser Lehrgänge hat uns ein kluger Mensch bestärkt: „Die Spiritualität ist doch das Beste, das ihr Orden habt. Ja, und genau das gebt jetzt weiter!“ – Wie schön, genau darum geht es.

 

Infos zu den Lehrgängen und Anmeldung: www.ordensgemeinschaften.at

 

TERMINE "Glauben und Leben"

  • 24.–27. September 2026 – Vöcklabruck
  • 5.–8. November 2026 – Vöcklabruck
  • 4.–7. März 2027 – Hall
  • 3.–6. Juni 2027 – Hall
  • 23.–26. September 2027 – Vöcklabruck
  • 11.–14. November 2027 – Vöcklabruck
  • 24.–27. Februar 2028 – Hall
  • 22.–25. Juni 2028 – Hall

 

ANMELDUNG
www.ordensgemeinschaften.at/glauben_leben_2026
Sekretariat der Österreichischen Ordenskonferenz
•Telefon: +43 (0)1 5351287-0
•E-Mail: sekretariat@ordensgemeinschaften.at

 

TERMINE "Führen und Leben"

  • Modul 1: 5.–7. November 2026 – Stift Kremsmünster
  • Modul 2: 21.–23. Jänner 2027 – Kardinal König Haus Wien
  • Modul 3: 8.–10. April 2027 – Klostergut Kronburg
  • Modul 4: 3.–5. Juni 2027 – Stift Schlägl

 

ANMELDUNG:

www.ordensgemeinschaften.at/fuehren_leben_2026
Sekretariat der Österreichischen Ordenskonferenz
• Telefon: + 43 (0)1 5351287-0
• E-Mail: sekretariat@ordensgemeinschaften.at
Anmeldeschluss: 31. August 2026

 


miteinander 7-8/26

Sr. Christine Rod MC

ist Theologin und Supervisorin, Mitglied der Gemeinschaft der Missionarinnen Christi, seit 2020 Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz.

CANISIUSWERK
Zentrum für geistliche Berufe

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1010 Wien

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