Meine Freude ist es, bei den Menschen zu sein. (Spr 8,31)

Ich stehe vor der Tür und klopfe an.
Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet,
bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten,
ich mit ihm und er mit mir. (Offb 3,20)

Warum zwei Primizbilder? Warum diese beiden?
Es gibt etwas, das meine Berufungsgeschichte geprägt und sie immer leitmotivisch begleitet hat: das Multi-Kulti-Milieu meines Wiener Heimatbezirkes, in dem ich schon früh mit der Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Identität konfrontiert wurde, das Klima in meiner Familie, die der blühende Garten für mein wachsendes Interesse und meine Freude am Gebet war. Aber auch meine Heimatpfarre, in der mir als Ministrant vor allem die Schönheit der Liturgie und darin die Zuwendung Gottes aufging, gute Freunde, Lehrer und glaubwürdige priesterliche Persönlichkeiten haben wesentlich zu dem beigetragen, worauf ich in den Jahren der Schule und des Theologiestudiums besonders aufmerksam achtete: Allmählich war ich behutsam und zärtlich gesucht, gefunden und Schritt für Schritt in etwas unsagbar Großes hineingeführt worden - und zwar geheimnisvoll, konkret und unwideruflich. Die Spuren meiner lebenswichtigen Entdeckung reichen also tief in meine Kindheit und Jugend zurück: die Erfahrung und die daraus gewachsene Überzeugung der unablässigen, liebevollen Suche Gottes nach uns Menschen. Allem Sehnen und Suchen meines Herzens liegt das Sehnen und Suchen Gottes nach mir, jedem einzelnen Menschen und der Menschheit insgesamt zugrunde. Gott geht es um die Begegnung, um die bleibende Gemeinschaft zwischen mir bzw. uns und ihm. Er will bei uns sein, damit wir bei ihm sind!

Seit ich dann im Jahr 1995 - mitten in einer die Kirche in Österreich erschütternden Krise - die Priesterweihe empfangen habe, entfaltet sich dieses zentrale Leitmotiv in meinem Leben und Dienst unter zwei Gesichtspunkten. Diese sind in meinen beiden Primizbildern, in Verbindung mit dem jeweiligen biblischen Wort, zeichenhaft ausgedrückt:

Die alttestamentliche Erzählung vom Besuch der drei Fremden bei Abraham (vgl. Gen 18) hat der russische Ikonenmaler Andrej Rubljov (gest. 1430) in seiner weltberühmten Darstellung einzigartig festgehalten: Der eine Gott, in sich Gemeinschaft der drei göttlichen Personen, besucht den Menschen, der ihn auf seinem Weg als Suchender aufnimmt und ihm dient wie Abraham. In Wahrheit aber ist Gott der Gesprächsführer und Gastgeber, denn der leere Platz am Tisch im Vordergrund ist der Platz des jeweiligen Menschen, der diese Ikone verehrend betrachtet. Durch dieses "Fenster zur Ewigkeit" ist er als Schauender in das Geheimnis der göttlichen Gemeinschaft einbezogen, ob er darum ausdrücklich weiß oder nicht. In vielfältiger Weise, besonders aber in der Eucharistiefeier, erschließt uns Gott diese Teilhabe an seinem Leben und an seiner Freude. Das mit dem ostkirchlichen Bild verbundene Schriftwort aus der alttestamentlichen Weisheitsliteratur bringt es auf den Punkt: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter im Glauben, hat Freude daran, bei den Menschen zu sein! Es ist die Weisheit Gottes, die das mit diesem biblischen Wort von sich sagt. Sie gibt sich in Jesus Christus ganz persönlich zu erkennen (vgl. 1 Kor 1,24).

Jesus aber klopft behutsam und vernehmlich an unsere Tür, fällt also nicht einfach mit der Tür ins Haus, sondern achtet unsere Freiheit. Sehnsuchtsvoll wartet er darauf, dass er von uns gehört und dass ihm von uns geöffnet wird, damit wir als Freunde Gottes mit ihm Mahl halten. Das zweite Primizbild führt das neutestamentliche Schriftwort aus der Offenbarung des Johannes mit einem Motiv aus der westkirchlichen Tradition zusammen: Jesus und sein Lieblingsjünger bei Tisch ("Johannesminne"). Diese plastische Darstellung zeigt die innige Beziehung, die Gemeinschaft zwischen beiden, die ganz von Liebe und Vertrauen geprägt ist. In ihrer christologischen Pointierung ist dieses Bild für mich so etwas wie ein westkirchliches Pendant zur ostkirchlichen Ikone der Trinität.Beide Primizbilder gehören für mich zusammen und verweisen aufeinander. Sie zeigen, wie ich meinen priesterlichen Dienst in der Kirche verstehe und wie ich ihn bisher auch in verschiedenen Aufgaben an unterschiedlichen Schauplätzen erfahren habe: Als Dienst am Suchen Gottes nach uns Menschen, die wir alle ein Leben lang Suchende bleiben. Es ist also ein Dienst für Gott, der uns in bedürftigen Mitmenschen als Gast besucht, ein Dienst am Wort und Gastmahl des Dreifaltigen und Menschenfreundlichen. In seiner Bewegung gehe ich auf andere zu und erlebe das Anklopfen des Menschensohnes, dem geöffnet wird, obgleich bisweilen Türen verschlossen bleiben. Es tut dann gut zu wissen, dass der Auferweckte auch durch verschlossene Türen hindurch seinen österlichen Frieden schenken kann, in dem Gelungenes und Gescheitertes geborgen ist. Ich bin von Herzen froh und dankbar, diesen kostbaren Dienst an der Gemeinschaft Gottes mit uns Menschen als Gabe für viele empfangen zu haben und auszuüben. Schließlich gilt mein Dienst als priesterlicher Mitarbeiter des Bischofs der Einheit dieser Gemeinschaft in ihrer Vielfalt, für die die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit "Zeichen und Werkzeug" in der Welt ist (vgl. Lumen gentium 1).

Richard Tatzreiter, ED Wien

Etappen meines Weges …

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