

Warum zwei Primizbilder? Warum diese beiden?
Es gibt etwas, das meine Berufungsgeschichte geprägt und sie immer leitmotivisch
begleitet hat: das Multi-Kulti-Milieu meines Wiener Heimatbezirkes, in dem ich
schon früh mit der Vielfalt religiöser und weltanschaulicher Identität
konfrontiert wurde, das Klima in meiner Familie, die der blühende Garten
für mein wachsendes Interesse und meine Freude am Gebet war. Aber auch
meine Heimatpfarre, in der mir als Ministrant vor allem die Schönheit der
Liturgie und darin die Zuwendung Gottes aufging, gute Freunde, Lehrer und glaubwürdige
priesterliche Persönlichkeiten haben wesentlich zu dem beigetragen, worauf
ich in den Jahren der Schule und des Theologiestudiums besonders aufmerksam
achtete: Allmählich war ich behutsam und zärtlich gesucht, gefunden
und Schritt für Schritt in etwas unsagbar Großes hineingeführt
worden - und zwar geheimnisvoll, konkret und unwideruflich. Die Spuren meiner
lebenswichtigen Entdeckung reichen also tief in meine Kindheit und Jugend zurück:
die Erfahrung und die daraus gewachsene Überzeugung der unablässigen,
liebevollen Suche Gottes nach uns Menschen. Allem Sehnen und Suchen meines Herzens
liegt das Sehnen und Suchen Gottes nach mir, jedem einzelnen Menschen und der
Menschheit insgesamt zugrunde. Gott geht es um die Begegnung, um die bleibende
Gemeinschaft zwischen mir bzw. uns und ihm. Er will bei uns sein, damit wir
bei ihm sind!
Seit ich dann im Jahr 1995 - mitten in einer die Kirche in Österreich erschütternden
Krise - die Priesterweihe empfangen habe, entfaltet sich dieses zentrale Leitmotiv
in meinem Leben und Dienst unter zwei Gesichtspunkten. Diese sind in meinen
beiden Primizbildern, in Verbindung mit dem jeweiligen biblischen Wort, zeichenhaft
ausgedrückt:
Die alttestamentliche Erzählung vom Besuch der drei Fremden bei Abraham (vgl. Gen 18) hat der russische Ikonenmaler Andrej Rubljov (gest. 1430) in seiner weltberühmten Darstellung einzigartig festgehalten: Der eine Gott, in sich Gemeinschaft der drei göttlichen Personen, besucht den Menschen, der ihn auf seinem Weg als Suchender aufnimmt und ihm dient wie Abraham. In Wahrheit aber ist Gott der Gesprächsführer und Gastgeber, denn der leere Platz am Tisch im Vordergrund ist der Platz des jeweiligen Menschen, der diese Ikone verehrend betrachtet. Durch dieses "Fenster zur Ewigkeit" ist er als Schauender in das Geheimnis der göttlichen Gemeinschaft einbezogen, ob er darum ausdrücklich weiß oder nicht. In vielfältiger Weise, besonders aber in der Eucharistiefeier, erschließt uns Gott diese Teilhabe an seinem Leben und an seiner Freude. Das mit dem ostkirchlichen Bild verbundene Schriftwort aus der alttestamentlichen Weisheitsliteratur bringt es auf den Punkt: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter im Glauben, hat Freude daran, bei den Menschen zu sein! Es ist die Weisheit Gottes, die das mit diesem biblischen Wort von sich sagt. Sie gibt sich in Jesus Christus ganz persönlich zu erkennen (vgl. 1 Kor 1,24).
Jesus aber klopft behutsam und vernehmlich an unsere Tür, fällt also
nicht einfach mit der Tür ins Haus, sondern achtet unsere Freiheit. Sehnsuchtsvoll
wartet er darauf, dass er von uns gehört und dass ihm von uns geöffnet
wird, damit wir als Freunde Gottes mit ihm Mahl halten. Das zweite Primizbild
führt das neutestamentliche Schriftwort aus der Offenbarung des Johannes
mit einem Motiv aus der westkirchlichen Tradition zusammen: Jesus und sein Lieblingsjünger
bei Tisch ("Johannesminne"). Diese plastische Darstellung zeigt die
innige Beziehung, die Gemeinschaft zwischen beiden, die ganz von Liebe und Vertrauen
geprägt ist. In ihrer christologischen Pointierung ist dieses Bild für
mich so etwas wie ein westkirchliches Pendant zur ostkirchlichen Ikone der Trinität.Beide
Primizbilder gehören für mich zusammen und verweisen aufeinander.
Sie zeigen, wie ich meinen priesterlichen Dienst in der Kirche verstehe und
wie ich ihn bisher auch in verschiedenen Aufgaben an unterschiedlichen Schauplätzen
erfahren habe: Als Dienst am Suchen Gottes nach uns Menschen, die wir alle ein
Leben lang Suchende bleiben. Es ist also ein Dienst für Gott, der uns in
bedürftigen Mitmenschen als Gast besucht, ein Dienst am Wort und Gastmahl
des Dreifaltigen und Menschenfreundlichen. In seiner Bewegung gehe ich auf andere
zu und erlebe das Anklopfen des Menschensohnes, dem geöffnet wird, obgleich
bisweilen Türen verschlossen bleiben. Es tut dann gut zu wissen, dass der
Auferweckte auch durch verschlossene Türen hindurch seinen österlichen
Frieden schenken kann, in dem Gelungenes und Gescheitertes geborgen ist. Ich
bin von Herzen froh und dankbar, diesen kostbaren Dienst an der Gemeinschaft
Gottes mit uns Menschen als Gabe für viele empfangen zu haben und auszuüben.
Schließlich gilt mein Dienst als priesterlicher Mitarbeiter des Bischofs
der Einheit dieser Gemeinschaft in ihrer Vielfalt, für die die Kirche auf
ihrem Weg durch die Zeit "Zeichen und Werkzeug" in der Welt ist (vgl.
Lumen gentium 1).
Richard Tatzreiter, ED Wien
Etappen meines Weges