Geweihte Jungfrauen sind ein eigener, anerkannter Stand in der katholischen Kirche. Frauen versprechen öffentlich, Jesus in der Form der Ehelosigkeit mitten in ihrer Lebenswelt nachzufolgen. Diese über Jahrhunderte fast vergessene Berufung erlebte durch das 2. Vatikanische Konzil eine Überarbeitung, ist aber nach wie vor ein kostbarer, aber kaum entdeckter Schatz in der Vielfalt kirchlicher Berufungen.
Die Anfänge
Seit der Zeit der Apostel hat Gott Frauen und Männer dazu berufen, sich
ungeteilt an Christus zu binden (1 Kor 7,25.34-36; Apg 21,9) und ihm in der
"Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen" (Mt 19,12) nachzufolgen.
Frauen unterschiedlichen Alters gelobten im Rahmen einer öffentlichen Feier,
freiwillig und für immer als gottgeweihte Jungfrau leben zu wollen. Durch
die "consecratio" (Weihe) wurden sie in den "Stand der Jungfrauen"
aufgenommen und waren damit durch ein eheähnliches Band mit Christus über
den Tod hinaus verbunden. Sie lebten weiter in ihren Familien oder Häusern,
führten ein intensives Gebetsleben und widmeten sich vor allem der Sorge
für die Armen.
Ab dem 4. Jahrhundert, mit dem sich entwickelnden monastischen Leben, lebten
diese Frauen hauptsächlich in klösterlichen Gemeinschaften. Dadurch
wurde diese - eigenständige - Berufung mit der feierlichen Ordensprofess
in Verbindung gesetzt, was dazu geführt hat, dass der "Stand der Jungfrauen"
in seiner ursprünglichen Form über Jahrhunderte in Vergessenheit geriet.
Ein alter und gleichzeitig neuer Weg
Das 2. Vatikanische Konzil forderte in der Liturgiekonstitution die Überarbeitung
des Ritus der Jungfrauenweihe (Sacrosanctum Concilium (SC) 80). In der Folge
wurden zwei Fassungen erarbeitet: eine für "Moniales" - für
Frauen, die diese Weihe in ihrer Ordensgemeinschaft traditionell gemeinsam mit
der feierlichen Profess erhalten - und eine für "virgines saeculares"
, Frauen also, die mitten in der Welt leben und von ihrem Bischof zum Empfang
der Weihe zugelassen werden.
Vielleicht entsprang dieser Schritt einer Anerkennung der veränderten Stellung
der Frau im 20. Jahrhundert: sie ist selbstständig im Beruf und kann auch
alleine leben - was in früheren Jahrhunderten nicht in diesem Maß
möglich war.
Bedeutsamer erscheint aber die Argumentation, dass das Charisma des ehelos-jungfräulichen
Lebens nicht notwendig mit einer Berufung zum Ordensleben verbunden ist, sondern
an sich ein eigenständiges Glaubenszeugnis darstellt!
Identität und Sendung der geweihten Jungfrau
Durch die Weihe, die in der Regel der Ortsbischof spendet, wird die jungfräuliche
Bindung und Lebenshingabe an Christus, die die Kandidatin schon einige Jahre
gelebt hat, von der Kirche öffentlich angenommen und bestätigt. Die
"Virgo" (Jungfrau) ist vor allem berufen, in aller Stille zeichenhaft
"Sponsa Christi" - Braut Christi - zu sein und die ungeteilte Bindung
der Kirche an Christus vorzuleben. Dabei lebt sie in der Welt und übt ihren
Beruf aus. Dort, wo sie lebt, soll sie der Kirche dienen und die Sorge des Bischofs
mittragen. Der goldene Ring, der ihr bei der Weihe angesteckt wird, erinnert
sie an ihre "Bindung an Christus", das empfangene Stundenbuch daran,
dass "Lob Gottes und das Gebet für das Heil aller Menschen" für
sie Verpflichtung ist.
Die Jungfrauenweihe ist kein Sakrament, sondern ein Sakramentale. Durch die
Weihe findet keine Übertragung von kirchlichen Ämtern oder Aufgaben
statt, sie zielt primär nicht auf das TUN (äußere Werke, die
die Sendung sichtbar machen), sondern das SEIN, die Sendung der geweihten Jungfrau
"entfaltet sich dadurch, dass sie durch das persönliche Zeugnis für
die Welt Christus selbst gegenwärtig macht."
Ankommen - Der Weg zur Berufung
Bereits einen langen Weg der Suche nach ihrer Lebensform hatte die Steirerin
Marianne Haring hinter sich, als sie einer Frau begegnete, die ihr von ihrer
Weihe erzählte. Bei Exerzitien erfuhr sie von ihrer Weihe. - "Warum
erzählt sie mir das? Was soll ich jetzt damit?", war die erste Reaktion.
Doch das Thema ließ sie nicht mehr los, bis sie entdeckte, "genau
das ist es, was ich suche: IHM, der mich unendlich liebt, will ich mein Leben
ganz und gar schenken."
Rückblickend fasst sie zwei Erfahrungen zusammen, die man auch als Zeichen
für ihren Weg zur Lebensform der "Geweihten Jungfrau" verstehen
könnte:
Die Frage nach ihrer persönlichen Lebensform war schon früh ein Thema
für sie. Mit etwa 16 Jahren wäre ihr das Evangelium vom Reichen Jüngling
für ihre Situation aufgegangen: Was könnte sie hergeben? In ihrer
Familie gab es keinen Reichtum. Damals schon entdeckte sie: "Mein Reichtum
ist die intakte Familie mit den vielen Geschwistern."
Später dann, schon als Volksschullehrerin, engagierte sie sich weiter in
der Pfarre, versuchte vieles zu bewegen, und merkte immer wieder, dass nicht
viel übrig blieb. Oft fragte sie sich, wo zu sie das alles täte, "um
mir selbst etwas zu beweisen? Oder nur, damit ich es tue?"
Ihre innere Heimat suchte sie weiter, aber ob in Freundschaften oder auch im Kontakt mit Ordensgemeinschaften blieb ihr immer das Gefühl, dass sie darin nicht bleiben kann, dass sie nach etwas anderem sucht.
Nach einem ersten Gespräch mit Bischof Johann Weber und einer langen Vorbereitungszeit, die nicht nur für sie, sondern auch die Begleiter ein Lernprozess war, wurde ihr im März dieses Jahres (2006) durch Weihbischof Dr. Franz Lackner beim der Sonntagsmesse in ihrer Heimatpfarre Gleinstätten (Stmk.) die Jungfrauenweihe gespendet. Das war ihr großer Wunsch, denn für sie ist diese Weihe tatsächlich ein öffentliches Bekenntnis und sie sieht ihrer Berufung hingeordnet auf und verwoben mit der gesamten Pfarrgemeinde. Mit ihrem Gebet will sie die Kirche und Pfarre mittragen, sie weiß sich in ihrer Lebensform aber auch angewiesen auf und getragen durch das Gebet (und auch das Korrektiv) der Mitchristen.
Marianne Haring lebt nicht ehelos, um ´ein Single-Dasein´ zu genießen. "Ich lebe auch nicht ehelos, weil ich nicht ´den Richtigen´ gefunden habe. Der Grund und die Quelle des frei gewählten Lebens ist die Liebe. Ich fühle mich von Christus in einer Weise geliebt und ergriffen, die mir nur eine Möglichkeit der Antwort lässt: zu versuchen, mein Leben ganz und gar auf ihn hin auszurichten, mein Leben in all seinen Belangen, seinen Höhen und Abgründen mit ihm zu leben. Ich lebe ehelos und zugleich verbunden mit ihm, der das Leben ist. Diese innige Beziehung zu Christus bleibt nicht in einer Person allein, sondern strahlt aus in die Umgebung." In der Beziehung zu Jesus Christus erlebt sie eine Intimität und Ausschließlichkeit, die sie fasziniert: nicht nur von ihrer menschlichen Seite aus, sondern sich von Christus so geliebt und angenommen wissen, "als wär´ ich für ihn die Einzige!" Und sie kann immer wieder nur darüber staunen, dass das für jeden Menschen gilt.
Voraussetzungen
Eine Kandidatin sollte
· zwischen 30 und 50 Jahre alt sein,
· darf niemals die Ehe eingegangen sein oder offenkundig ein dem Stand
der Jungfräulichkeit widersprüchliches Leben geführt haben.
· Ihr Alter, ihr Urteilsvermögen, ihre charakterliche Reife sollte
eine Gewähr bieten, ein Leben im Dienst der Kirche und des Nächsten
zu schaffen.
· Weiters muss sie vom Ortsbischof zur Weihe zugelassen werden. Während
einer mehrjährigen Vorbereitungszeit wird sie von einem Mentor und einem
Geistlichen Begleiter unterstützt.
In Österreich leben heute etwas mehr als 30 "Geweihte Jungfrauen". (Stand 2009)
Weiterführendes finden Sie auf www.ordovirginum-austria.com.