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Spiritualität

Rückkehr zum Wesentlichen

Prof. Weismayer im SONNTAG-Interview

Im Gespräch mit Stefan Kronthaler erläutert der em. Wiener Dogmatikprofessor die Dimensionen des Advents: Worum geht es in diesen vier Wochen?

 

Der Advent als „die“ stille Zeit des Jahres wird heuer durch die Corona-Krise und den zweiten Lockdown zur wirklich stillen Zeit. Zumindest bis zum 6. Dezember. Doch was verbirgt sich hinter dem schillernden Begriff „Advent“ als „Ankunft“?
 

Die Adventzeit ist einerseits Vorbereitungszeit auf die weihnachtlichen Hochfeste mit ihrem Gedächtnis des ersten Kommens des Gottessohnes zu den Menschen. Was heißt das konkret?

Prof. Weismayer: Die Pandemie hält sich nicht an unseren Kirchenkalender. Wohl könnten die Ausgangsbeschränkungen Einkehr und Besinnung fördern, denn Advent bedeutet ja Wachsein, Bereitsein für das Ankommen Gottes. Aber konkret erwarten wir das Ende des verordneten Rückzugs in die eigenen vier Wände. Als Glaubende gehen wir auf Weihnachten zu, auf die Feier der Geburt Jesu. Er ist das Ja Gottes zu uns Menschen. In Jesus ist er einer von uns geworden. Diese Zuwendung Gottes, auf deren Feier wir zugehen, sollte im Focus unserer Advent-Besinnung stehen. Aber der „Weihnachtsmann“ verdrängt zunehmend das Kind in der Krippe.

 

Andererseits lenkt die Adventzeit zugleich durch dieses Gedenken die Herzen hin zur Erwartung der zweiten Ankunft Christi am Ende der Zeiten. Ist diese Erwartung der zweiten Ankunft Christi in unserem Denken und Leben überhaupt präsent?

Prof. Weismayer: In den liturgischen Texten des 1. Adventsonntags wird von einem „zweiten“ Kommen Christi gesprochen, von seinem Kommen zur Vollendung am Ende der Zeiten. Wir nennen dieses zweite Kommen auch Wiederkunft des Herrn. Aber dieses Wort kann uns auch zu einem Missverständnis verleiten: Der auferstandene und erhöhte Herr ist nicht weggegangen, sodass er von neuem kommen müsste, er ist nicht abwesend. Er ist hier, mit uns, bis zum Ende der Welt, wie es am Ende des Matthäusevangeliums heißt (Mt 28,20). Er wird einst sichtbar in Erscheinung treten – und da werden wir vor ihm stehen, wie wir in Wahrheit sind.

 

Die Adventzeit ist somit letztlich eine Zeit hingebender und freudiger Erwartung. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Prof. Weismayer: Im Evangelium des 1. Adventsonntags im neu beginnenden Kirchenjahr wird uns Jesus zur Wachsamkeit aufrufen: „Gebt acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.“ (Mk 13,33) Und einige Zeilen weiter wird diese Mahnung wiederholt: „Seid also wachsam!“ – „Seid wachsam!“ (Mk 13,35.37) Der Herr ist ständig im Kommen, aber wir nehmen seine Gegenwart zu wenig wahr. Er ist aber nicht gegenwärtig wie die Polizei, die Regelverstöße kontrolliert und abmahnt. Er ist um uns liebend besorgt – wie das im Psalm 23 wunderbar gezeichnet wird: „Der Herr ist mein Hirt …“

 

Wie können wir unser spirituelles Leben im Advent gestalten? Was empfehlen Sie? Wie werden wir wieder „adventliche“ Menschen?

Prof. Weismayer: Wenn wir die beiden „Ankünfte“ des Herrn im Blick haben und daraus die Konsequenzen ziehen, dann leben wir in Wahrheit den Advent. Schauen wir auf das, was wir zu Weihnachten feiern: Gott ist einer von uns geworden, Jesus ist der „Gott mit uns“ (Mt 1,23). Das kann uns aufmerksam machen auf das vielfältige Kommen Gottes in meinem, in unserem Leben, in den Ereignissen, in den Begegnungen, in den Brüdern und Schwestern, im Alltag.

 

Kann es sein, dass im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie die Adventzeit heuer zumindest bis zum 6. Dezember eine wirklich besinnliche und auch ruhige Zeit ist?

Prof. Weismayer: Durch die Corona-Krise kann der Advent als „Zu-Weg“ auf Weihnachten uns zum Wesentlichen führen. Mit dem großen Einkaufstrubel ist uns auch eine Beschallung mit weihnachtlicher Musik in den Konsumtempeln bisher erspart geblieben. Wir sollten die Beschränkung unserer Aktivität nach außen als eine Hilfe für einen Weg nach innen betrachten.

Quelle: SONNTAG; Stefan Kronthaler im gespräch mit Prof. Josef Weismayer
 

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