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Berufung in der Bibel

Berührt

Die Ungläubigkeit des heiligen Thomas

Streck deinen Finger hierher, sieh meine Hände! Leg deine Hand in meine Seite. Und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! (vgl. Joh 20,27). Caravaggio  interpretiert von R. Pallin.

 

Berührt

Berührt war ich, als ich zum ersten Mal diesem Bild begegnet bin: „Die Ungläubigkeit des heiligen Thomas“. Berührt – fasziniert und angeekelt zugleich. Fasziniert, weil der sosehr dem Fleisch verhaftete Caravaggio (1571 – 1610) nicht wie viele Maler vor ihm darstellt, wie Thomas Jesus berührt, sondern die Einladung Jesu an Thomas malt und fleischlich ernst nimmt: „Streck deinen Finger hierher und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20,27). Angeekelt, weil es bei dieser von Berührungsangst freien Darstellung weh tut, hinzuschauen, mitanzusehen, wie der hygienisch nicht gerade reine Finger des Apostels Thomas in die Seitenwunde Jesu bohrt, sie aufspreizt, offenhält. Nicht nur dem Jünger hinter Thomas zieht der Ekel die Stirne in Falten, bleibt der Mund offen in einem Schmerzensschrei, der – obgleich gemalt – alles andere als stumm ist. Ein dritter Jünger beobachtet das Geschehen mit konzentriertem Blick, angezogen, gefesselt vom Augenblick der Berührung. Die zwei gehören zur Gruppe der Jünger, denen der Auferstandene schon zuvor erschienen ist (vgl. Joh 20,19-23).

 

Alle Jünger reagieren auf die Auferstehungszeugnisse anderer Jüngerinnen und Jünger mit Unglauben, öffnen sich erst in der persönlichen Begegnung langsam für die Gegenwart des Auferstandenen. Selbst in der direkten Begegnung folgt dem Sehen Jesu und dem Hören seines Wortes aber nicht automatisch der Glaube an ihn. Jesus begegnet diesem Nicht glauben Können der Jünger offen, lädt sie ein, ihn zu berühren, zu be greifen, dass er, der Gekreuzigte, leibhaftig auferstanden ist: „Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift. Als sie aber noch ungläubig waren, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; und er nahm es und aß vor ihnen.“ (vgl. Mk 16,14; Mt 28,17; Lk 24, 36-43)

 

Auch in Caravaggios Bild ergreift der Auferstandene die Initiative, um Thomas’ Hand zu führen wie die eines Blinden, ihm in der Berührung die Augen zu öffnen, das Herz. Kein noch so begeistertes Zeugnis anderer hat in Thomas die lebendige Gegenwart Jesu wachrufen können, kein überlieferter Sendungsauftrag ihm „Beweis“ sein können für den Auferstandenen. Es gibt kein Zeugnis, keinen Beweis, der eine persönliche Begegnung ersetzen oder überflüssig machen könnte. Es gibt keine Autorität, deren Aussage ausreichen würde, den lebendigen Glauben an Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, zu wecken. Kein selbst erblicktes Bild, keine Vision, keine eigene Ein sicht oder Erfahrung reicht dazu aus. Es braucht die lebendige Begegnung – in der wir angesprochen und berührt werden, uns öffnen – Berührung, die wir nicht einmal uns selbst beweisen können, in der dennoch alles gewiss ist.

 

Jesus selbst ist es, der sich Thomas nicht nur zeigt, sondern ihn im Innersten anblickt; der nicht nur etwas zu sagen hat, sondern Thomas anspricht in der Tiefe seines Herzens; der nicht nur sich berühren lässt, sondern die eigene Seitenwunde entblößt und die Hand des Thomas ergreift, führt, ihn berühren „macht“, ihn berührt. Diese Initiative Jesu hat Caravaggio gemalt. Das Johannesevangelium sagt nichts von der Berührung, vermittelt uns nur die Einladung Jesu: „Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Die Reaktion des Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,27f.) – Bekenntnis eines Menschen, der berührt worden ist, der erfahren hat: Jesus – Du, der sein Leben für uns gegeben hat, „machst mich berühren“ Deine leibhaftige Hingabe und Auferstehung für mich.

 

Von solcher Berührung kündet schon das vierte Gottesknechtlied: „Durch seine Wunden sind wir geheilt!“ (Jes 53,5). Solche Berührung spürt und erahnt, wer mit dem spätmittelalterlichen Gebet „Seele Christi“ zu beten sucht: „O guter Jesus, erhöre mich. Birg in deinen Wunden mich, von dir lass nimmer scheiden mich.“ Solche Berührung kennt, wer in der Feier der Sakramente erlebt: Jesus selbst ist mir entgegengekommen, hat mich geführt, hat meinen Blick, mein Herz geöffnet. Jesus selbst hat mich berührt – „macht mich berühren“ Seine Hingabe, Seine lebendige Gegenwart.

 

Caravaggios Bild „Die Ungläubigkeit des heiligen Thomas“ fasziniert mich und ekelt mich an – und: Es bestärkt mich, diese Einladung und Berührung durch den Auferstandenen zu suchen und zuzulassen – Berührung, die mich öffnet für Seine Gegenwart, mich mit dem „Adoro te devote“ bekennen lässt: „Kann ich nicht, wie Thomas, schaun die Wunden rot, bet’ ich dennoch gläubig: Du, mein Herr und Gott!“ 

Raphaela Pallin

 

Dr. Raphaela Pallin studierte Theologie in Wien, Salamanca und Rom, arbeitete in der Krankenhausseelsorge und bis 2015 als Assistentin am Institut für Theologie der Spiritualität an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. Derzeit arbeitete sie für die Erzdiözese Wien im Bereich Kirche im Dialog.

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