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Spiritualität

Verhülltes neu entdecken

Gedanken von Martin Rieder OPraem

Im Zentrum in jeder Eucharistiefeier steht das Geheimnis Verhüllung: Verhüllt ist die Gestalt Christi präsent in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein. Gedanken zu Fronleichnam

 

 

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum verkleidet sich ein Priester bei der Eucharistiefeier überhaupt? Warum die Behänge an Ambo oder Altar? Warum reicht die Mesnerin beim feierlichen Segen mit der Monstranz das Velum? Alles nur Folklore, zelebrierte Ästhetik oder steckt mehr dahinter?

Vor einem Jahr verstarb der Künstler Christo mit 84 Jahren. Er ist bekannt geworden durch seine spektakulären Verhüllungsinstallationen. Schon früh hat er angefangen, Flaschen, Dosen und Kisten zu verhüllen. Die Verhüllungsaktionen wurden immer größer. Er verhüllte eine Küste in Australien, ein Tal in Colorado. Fünf Millionen sind im Jahr 1995 nach Berlin gepilgert um den mit silbrig glänzenden Stoff verhüllten Reichstag zu bestaunen. Im letzten Jahr war die Verhüllung des Pariser Triumphbogens geplant. Der ewige Traum des Künstlers stand vor der Verwirklichung, doch Corona hat dieses Verhüllungsprojekt vereitelt, soll aber im September dieses Jahres verwirklicht werden.


Ein Künstler verhüllt Gegenstände, Orte und Landschaften und versteckt diese eine Zeitlang vor den Augen. Dadurch soll der Mensch das, was er zuvor bloß gewöhnlich sah und dies für selbstverständlich nahm, mit neuen Augen wahrnehmen. Er soll nachdenklich werden, mit Spannung und einer gewissen Sehnsucht auf die Enthüllung warten und einen tieferen Blick für deren Bedeutung bekommen.

 

Millionen Menschen sind von diesen Kunstprojekten Christos begeistert und werden ganz säkular durch die Verhüllungskunst berührt. Sie begreifen intuitiv das Spiel von Verhüllen und Enthüllen. Spüren die Sehnsucht, hinter die Dinge schauen zu können. Das Spiel von Verhüllen und Enthüllen hat seinen Reiz, macht neugierig und baut Spannung auf. Davon lebt bei uns auch die gesamte Verpackungsindustrie und die Modebranche.

 

Während aber im weltlichen Bereich Verhüllen und Enthüllen neue Aktualität gewann, wird immer mehr vergessen, dass diese Verhüllungs- und Enthüllungskunst aus dem Bereich des
Religiösen kommt.


Verhüllen und Enthüllen – auch eine uralte kirchliche Tradition. In der Fastenzeit werden Bilder und das Kreuz verhüllt. Dadurch sollen Sehgewohnheiten durchbrochen werden. Mit der Kreuzenthüllung am Karfreitag soll ein neuer Blick auf die Bedeutung des Kreuzes gelenkt werden, das wir dauernd in Wohnungen, an Wegrändern oder auf Gräbern routinemäßig sehen, ohne viel dabei zu denken.

 


Auch im Zentrum jeder Eucharistiefeier steht das Geheimnis Verhüllung. Verhüllt ist die Gestalt Christi präsent in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein. In unserem bekannten Fronleichnamshymnus hat Thomas von Aquin im 13. Jh. dieses Geheimnis der Dialektik von Verhüllung und Enthüllung in ergreifende Worte gebracht: „Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier ...

 

Die Bedeutung Jesu für mich, verhüllt in einem gewöhnlichen Brot. Ein Geheimnis des Glaubens. Die Verhüllung - ein Anreiz, hinter dem Brot mehr zu sehen, mich von diesem Geheimnis in den Bann ziehen zu lassen. Sehnsucht danach zu haben, was dahinter steckt, in Kommunion zu treten mit der Person Jesu. Sehnsucht, dass mich dieses geheimnisvolle Brot stärkt und mir die Lebenshaltung Jesu in Fleisch und Blut übergeht und in meiner Lebenshaltung auch zum Ausdruck kommt.


Das hat für mich die einfache Frau, von der Wilhelm Willms einmal erzählt hat, in eindrucksvolle Worte gebracht, die man fragte, was denn hinter dem Stückchen Brot, das man am Fronleichnamstag durch die Straßen trägt, steckt.

Sie meint:

„hinter diesem stückchen brot
steckt meine letzte hoffnung
dass ich noch einmal
gesättigt werde
ich habe eine gute rente
sagte die alte frau
und kann mir viel brot kaufen
und kann jeden tag ins cafe gehen
aber
das will ich ihnen sagen
ich habe noch kein brot gefunden
das mich satt macht
aber dieses weiße scheibchen
ist meine hoffnung

denn da steckt
ungeheuer viel dahinter
ein mann
ein mensch wie wir
der hat sich selbst weggegeben
der wurde selbst brot
wissen sie
sagte die alte
so einer der sich selbst weggibt
so etwas ist meine hoffnung
mein himmel ...“

 

Der Verhüllungskünstler Christo wollte Menschen neu zum Schauen hinter die Dinge anregen,
neu auf den Geheimnischarakter aufmerksam machen. Der große Thomas von Aquin, der sich ein Leben lang abgemüht hat, zu erklären, wie man es sich vorstellen könnte, was hinter der Hülle, dem eucharistischen Brot steckt, soll mitten in der Eucharistiefeier am Nikolaustag 1273 innegehalten und gesagt haben:
„Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe, und was mir offenbart worden ist.“
Danach soll er keine einzige Zeile mehr zu Papier gebracht haben. Er drückte im Fronleichnamshymnus seine Hoffnung, dass ihm einmal enthüllt wird, was ihm jetzt noch verhüllt vor Augen steht, so aus:
Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.
Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.
Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.
Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir,
doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.
Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an,
er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.
Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,
stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:

Lass die Schleier fallen einst in deinem Licht,
dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.

Martin Riederer

Prämonstratenser Chorherr des Stiftes Wilten

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