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27.
Feb.
Oberösterreich
Aus der Diözese Feldkirch

Seelsorge: "Neuaufbrüche wagen"

Bischof Elbs im "miteinander"-Interview

Jede Zeit verlangt ihre Antworten, auch in der Seelsorge. Bischof Elbs rät zu Wertschätzung des Vorhandenen & Seelsorgern, den „Stallgeruch der Schafe“ anzunehmen. 

 

  

Herr Bischof Elbs, wenn man die Predigten, Reden und Schreiben von Papst Franziskus auf eine verbindende Aussage hin abklopft, könnte diese lauten: „Schluss mit dem Gejammer!“ Franziskus ist ein großer Motivator und Mutmacher. Können Sie diesen Mut, diese neue Freude an Kirche auch in Ihrer Diözese, also „an der Basis“ feststellen?

 

Ich erlebe die Situation tatsächlich sehr entspannt. Die Freude unter den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen scheint wieder zu überwiegen; Priester, Diakone und Religionslehrer und Religionslehrerinnen leben ihre Berufung heute mit mehr Freude, da es wieder möglich geworden ist, sich auf die Kernpunkte des Glaubens zu konzentrieren: die Ermöglichung einer Beziehung zu Gott und das Engagement für die Menschen. Auch wenn sich das noch nicht in einem Rückgang der Austrittszahlen niederschlägt und gewiss auch weiter Probleme bestehen, so nehme ich eine neue Freude am Christsein wahr. Als Logotherapeut und Existenzanalytiker würde ich sagen: Es hat eine „Einstellungsmodulation“ stattgefunden. Viele Christinnen und Christen gehen heute mit einer anderen Einstellung auf die Probleme zu. Insofern hat es deutlich eine Veränderung des

Großklimas unter Papst Franziskus gegeben.

 

Damit diese neue Einstellung Früchte trägt, muss sich auch der praktische Vollzug der Seelsorge verändern. Zumindest scheint dies die Intention Ihres neuen Buches „Im Stallgeruch der Schafe“ zu sein.

 

Jede Zeit braucht ihre je eigenen zeitgemäßen Antworten. Das ist der Auftrag, den das Konzil mit dem Hinweis auf die „Zeichen der Zeit“ gibt. Und das ist auch das Befreiende an Papst Franziskus: Er nimmt die Fragen der Menschen von heute ernst. Das ist aus meiner Sicht die erste Voraussetzung: Denn wenn die Diagnose nicht passt, ist die Therapie sinnlos. Für unser Heute würde ich keine Krisendiagnose stellen, sondern auf die radikalen Veränderungen in der Gesellschaft hinweisen. Wenn sich die Gesellschaft rasant verändert, müssen wir auch in der Pastoral innovativ Schritt halten. Für den Seelsorger gilt es heute meines Erachtens, den „Stallgeruch der Schafe“ anzunehmen. Dazu gehört ganz wesentlich, dass der Hirte seine Herde mögen muss. Dazu gehört weiters eine Art bescheidene Demut – wir sollten einfach leben und uns den Menschen zu erkennen geben. Das ist das Geheimnis gelingender Pastoral – und auch das Programm des Papstes: Den Menschen nahe sein, ihnen zuhören, aber sie dann auch in ihrer jeweiligen Situation mit dem Wort Gottes konfrontieren und schließlich für sie beten.

 

Sie schildern gerade eine nachgehende Pastoral, die sich – wie der Gute Hirte – um das eine Schaf kümmert. Aber es gibt, um bei dem Bild zu bleiben, die übrigen 99 Schafe, um die man sich auch gleichzeitig kümmern muss. Das heißt, Pastoral mit Zukunft muss auch Strukturwandel denken. Was schwebt Ihnen da vor?

 

Auch im Blick auf die großen Strukturen sollten wir zunächst einen wertschätzenden Blick lernen: Die sogenannte Volkskirche wird oft krankgeredet – viele Seelsorger jammern darüber, dass nach Taufe oder Erstkommunion der Kontakt zu den jungen Menschen abbricht etc. Dabei sind das meines Erachtens weiterhin große missionarische Momente und Orte der Gnade, die wir brauchen und nicht gering schätzen dürfen. Außerdem sollten wir neue Aufbrüche wagen und z. B. „Leuchtturm-Projekte“ etablieren, die mit ihrem Leuchten auch die Fernstehenden erreichen und Gottesbegegnungen ermöglichen. Stärker wahrnehmen müssen wir aber auch die Bedürfnisse der Menschen im Bereich der „tragischen Trias“ Leid, Schuld und Tod. Da leisten die Pfarren und die Caritas sehr viel, aber wir können da auch noch in der Kommunikation besser werden. Ich selbst mache die Erfahrung, wie dankbar die Menschen etwa sind, wenn ich sie nach einem Todesfall in der Familie oder einem Schicksalsschlag anrufe und ihnen zuhöre. Nachdenken sollten wir aber wohl auch über Projekte, die diözesanweit oder gar österreichweit „leuchten“. Ich denke da etwa an die Seligsprechung von Provikar Carl Lampert, die mit zahlreichen Aktionen und Begleitprogrammen bis in die pfarrliche Basis die Menschen im ganzen Land erreichte. Eine weitere Möglichkeit wäre vielleicht auch ein österreichweiter Katholiken- oder Kirchentag.

 

Das klingt nach einem gerade auch für die eigenen Mitarbeiter anspruchsvollen Programm der Fortbildung, etwa im Blick auf die eigene Kommunikationsfähigkeit.

 

Ein junger Priester muss heute die Menschen kennen und ihre Sprache sprechen. Das müssen wir von Beginn an stärker auch in der Priesterausbildung mitbedenken und für eine gute „Erdung“ etwa in der Kaplanszeit sorgen. Ich selbst war in dieser Zeit etwa sieben Jahre lang bei der Rettung des Roten Kreuzes tätig. Anders gesagt: Priester müssen unbedingt Kontakt zu den konkreten Lebenssituationen der Menschen bekommen. Das ist das Entscheidende.

 

Das Entscheidende auch, um eine Kehrtwende bei der Situation der Berufungen zu schaffen?

 

Das ist ein schmerzender Punkt: Wir haben kaum Berufungen im engeren Sinne zum Priester- oder Ordensleben. Dabei bemühen wir uns, wo und wie es nur geht – sei es durch das „THEO-Berufsinfo-Forum“, durch Schulaktionen, Talks, Exerzitien etc. Wir versuchen, Menschen an die Hand zu nehmen, die sich ernsthaft mit der Frage ihrer persönlichen Berufung auseinandersetzen. Das gilt im Übrigen auch für die Laien, die ebenfalls Berufene sind – und da haben wir etwa in Vorarlberg einen wirklichen Schatz von über 25.000 Ehrenamtlichen, die allesamt ein spezielles Charisma in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Ich hoffe, dass diese Saat eines Tages auch in Richtung Priesterberufungen aufgeht. Wir können da nur das Mögliche tun – alles weitere, die Berufung an sich, geschieht durch Gott.

 

Das Interview führte Henning Klingen.

 

Buchtipp

Benno Elbs, Im Stallgeruch der Schafe. Wege pastoraler Arbeit im 3. Jahrtausend, 208 Seiten, Styria, € 19,99 € (ISBN 978-3-2221-3462-3). Das Buch ist auch im Canisiuswerk erhältlich.

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