Erzdiözese Wien
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09.
Dec.
Niederösterreich
Aus der Erzdiözese Wien

Kontakt ohne Berührung

Nicht erst durch Corona, sondern zuvor bereits durch die „Causa Groër“ und die Missbrauchskrise wurde die priesterliche Beziehungskultur auf den Prüfstand gestellt. Ein Erfahrungsbericht.

 

In meiner glücklichen Kindheit und Jugend zwischen den 1970er- und den frühen 1990er-Jahren erlebte und pflegte ich eine menschlich unbelastete, normale Begegnungs- und Beziehungskultur, in der das breite Spektrum von respektvoller, leicht distanzierter Verbeugung bis zur herzlichen, innigen Umarmung unkompliziert und zwischenmenschlich „normal“ gelebt wurde. Es fiel mir zumeist nicht schwer, mich im damaligen Beziehungsgefüge von Familie, Freundeskreis, Schule, Pfarre, Universität und Priesterseminar in der Balance zwischen Nähe und Distanz gut zurechtzufinden.

 

 

1995 brachte eine einschneidende Wende, als im März erste Beschuldigungen gegen den damaligen Wiener Erzbischof publiziert wurden, er habe sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht: Meldungen, die für viele zunächst unglaublich schienen, sich aber nach und nach erhärteten. Das war etwa drei Monate vor meiner Priesterweihe. Schon als Diakon merkte ich damals im Alter von 25 Jahren, dass ich plötzlich unter einem unausgesprochenen öffentlichen Generalverdacht stand, als Kleriker zu den potenziellen Gefährdungen für Kinder und Jugendliche zu gehören.

 

 

 

Eiszeit und Frühling

 

Als Kaplan erfüllte mich zunächst eine gewisse Verunsicherung, wie ich in der Seelsorge einerseits den notwendigen Kontakt zu den Menschen pflegen sollte, in dem es bekanntlich nicht ganz ohne leibliche Berührung geht, aber andererseits Klarheit und Unzweideutigkeit meiner gewählten Lebensform in den konkreten Begegnungen und Beziehungen über jeden Verdacht zu sichern hatte. Ich merkte, dass das zwischenmenschliche Vertrauen zu mir bei manchen Menschen von vornherein beschädigt oder erschüttert war – aufgrund meines Amtes, meiner Rolle, meiner kirchlichen Zugehörigkeit und Stellung. Es wurde in der Pastoral spürbar „kälter“. Das wirkte blockierend auf mich zurück.

 

 

Dank meines Freundeskreises und meines geistlichen Begleiters traf ich schließlich für mich die definitive Entscheidung, mich durch diese Umstände nicht in eine habituelle Befangenheit führen zu lassen, die das offene Zugehen und den herzlichen Umgang mit anderen verhindern. Es war eine Zeit, in der ich das zärtliche Lächeln und herzhafte Lachen, den Handschlag und die Umarmung neu zu spüren und zu schätzen lernte. Nicht zuletzt durfte ich im Gebet eine erneuerte Leidenschaft erleben, von der ich zärtlich ergriffen und erfüllt wurde: eine zuvor ungekannte Frische in der Unmittelbarkeit des Gesprächs und der Begegnung mit unserem Gott. Ich lernte damals neu, in und mit dem ganzen eigenen Leib zu beten. Aus der Eiszeit wurde ein Frühling.

 

 

 

Erneute Erschütterung

 

2010 hatte ich eine Art Déjà-vu: Nachdem P. Klaus Mertes SJ als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin etwa 600 ehemalige Schüler in einem Brief über mögliche Missbrauchsfälle in der 1970er- und 1980er-Jahren informiert und zugleich um Vergebung gebeten hatte, dass Lehrer unverantwortlich weggeschaut hätten, löste dies bekanntlich weltweit eine Welle der Aufdeckung aus. Die inzwischen zutage gekommenen Verbrechen erschüttern die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche und des priesterlichen Amtes nachhaltig. Eine Zeit lang herrschten bei mir vor allem Entsetzen und Scham über diese erwiesenen Gräueltaten „aus den eigenen Reihen“; am liebsten hätte ich mich manchmal verkrochen.

 

 

Als ich vor vier Jahren – als Priester am Kragen erkennbar – mitten in Wien erstmals öffentlich von zornigen, wütenden Menschen angerempelt, angespuckt und lautstark beschimpft wurde, war das ein neuer Wendepunkt. Wie kann und soll ich unter diesen Bedingungen meinen priesterlichen Dienst beziehungskulturell überhaupt noch leben?, fragte ich mich.

 

 

Wieder stand eine Grundentscheidung an: Ich entschied mich bewusst dafür, keinem „institutionellen Suizid“ das Wort zu reden, sondern gerade jetzt in neuer Weise umfassend, innerlich und äußerlich, zu meinem empfangenen Dienst und Auftrag zu stehen, mich nicht zurückzuziehen. Die Kraft zu diesem Entschluss kam diesmal vor allem aus der Freude, die ich fortwährend in der und durch die Feier der Liturgie erfuhr und die mich erfüllte, wenn ich Menschen in schweren Krisen seelsorglich beistehen und für sie da sein konnte. Aus der Eiszeit wurde ein Frühling.

 

 

2020/21 herrscht(e) weithin Kontakt ohne Berührung. Die weltweite gesundheitliche Krise schafft bisweilen mehr Distanz, als uns lieb ist. Nähe muss behutsam neu entdeckt, geschätzt und gelernt werden. Vieles ist ungewiss, ob und wie es „danach“ weitergeht. Aber eines kann bezeugt werden: Wer Eiszeiten gut bewältigt, bekommt die Chance, einen Begegnungs- und Beziehungsfrühling zu erleben.

 

 


Dr. Richard Tatzreiter ist Regens des Wiener Priesterseminars und war von 1992 bis 2017 Mitglied der miteinander-Redaktion.

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