Wofür lebst du?
Klaus Schwertner; Caritas Wien 2014
Klaus Schwertner
Für ein besseres Miteinander, für mehr Verständnis und Aufmerksamkeit gerade für Menschen, die unsere Hilfe...
Wofür lebst du?
Klaus Schwertner; Caritas Wien 2014
Klaus Schwertner

Für ein besseres Miteinander, für mehr Verständnis und Aufmerksamkeit gerade für Menschen, die unsere Hilfe brauchen.“ Klaus Schwertner Generalsekretär Caritas Wien

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Mag. Elisabeth Mayr

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Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018
von Chefredakteur Henning Klingen
Fremde Heimat
Leitartikel Juli/August 2018

von Chefredakteur Henning Klingen

Alt werden, jung bleiben

 

Was für ein Sommer! Abkühlung boten da nicht nur wohltemperierte Kirchen, sondern auch die „Salzburger Hochschulwochen“, die heuer mit dem Slogan „Smarte Sommerfrische“ warben. Auch wenn’s denkbar schwierig war: Gemeinsam mit fast 900 Teilnehmern versuchte ich auch heuer wieder, einen kühlen Kopf zu bewahren, zuzuhören und mitzudiskutieren. Ich erzähle Ihnen das, weil ich dabei zwei Phänomene beobachten konnte: zum einen zahlreiche gerade ältere Teilnehmer, die mit Hingabe diskutiert, kritisch nachgefragt, mitgedacht und damit im Geiste Jugendlichkeit bewiesen haben; zum anderen aber auch so manchen jugendlichen Teilnehmer, der sich gerade in religiösen Fragen und Debatten mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit kritischen Anfragen an den Glauben verweigert hat.

Auch wenn dies nur verstreute Beobachtungen sind, so setzt sich bei mir doch schon seit Längerem ein Verdacht fest: Kann es sein, dass junge Gläubige von der Kirche gerade nicht Agilität und kritischen Geist erwarten, sondern Beständigkeit und vermeintliche Gewissheiten suchen? Ein Eindruck, den ich im Übrigen auch von mancher Gemeinschaft habe, die mit Feuereifer von Neuevangelisierung, Wahrheit, Gott und Erlösung spricht, sich aber zugleich jenem Feuer der Aufklärung entzieht, durch das der Glaube meines Erachtens gehen muss, will er nicht nur oberflächliche Zustimmung erheischen, sondern zur tiefen Überzeugung werden.

Jugend, das meint doch immer auch Zukunftsdrang und Rebellion. Wird sich dies auch bei der „Jugendsynode“ zeigen, die in Kürze in Rom stattfindet? Ist das vielleicht gar die Faszination, die von Papst Franziskus ausgeht: seine Jugendlichkeit, die die geistige Regsamkeit manch kirchlicher Jugend überstrahlt? Wenn es zutreffen soll, dass die Kirche jung ist, dann wird sie dies wohl nicht dadurch, dass sie sich zur Eventfabrik umgestaltet. Das machen andere besser, professioneller. Nein, wenn Kirche jung sein will, dann muss sie im Geiste jung bleiben. Das jedoch ist keine Frage des biologischen Alters ...


Henning Klingen

 

Das Rebenprinzip
Aus dem Seitenschiff
Kolumne vonDr. Georg Plank
Das Rebenprinzip
Aus dem Seitenschiff

Kolumne vonDr. Georg Plank

 

Das Rebenprinzip

 

Wer im Herbst pralle Trauben bewundert, weiß, wie viel Arbeit das ganze Jahr über notwendig war, damit jetzt Früchte geerntet werden können. Zur jeweils rechten Zeit mussten die richtigen Maßnahmen erledigt werden, sonst wären viele Blätter gewachsen, aber wenige Lebensmittel. Oft übersehen wird, dass es auch lange Perioden des Nichtstuns, des Gewährenlassens und des aufmerksamen Beobachtens gibt, in denen das eigentliche Wachstum einfach passiert bzw. geschenkt wird.

 

Im Sinne von Joh 15,2 gilt es daher auch in den Weingärten unserer pastoralen Handlungsfelder, dem Vorbild des guten Winzers zu folgen. Er rückt die Reben, die Frucht tragen, in den Mittelpunkt. Er reinigt sie, damit sie mehr Früchte bringen. Für mich bedeutet das mehr Möglichkeiten für heutige Menschen, zu erleben, was Menschen aller Kulturen (nicht nur Glaubens- oder Volksgenossen) vor 2.000 Jahren mit Jesus erlebten: Aufrichtung, Orientierung, Befreiung, Ermächtigung, Heilung, Gottesbeziehung und Sendung. Dieses „die fruchtbaren Reben reinigen“ korrespondiert mit dem Konzept inkrementeller Innovationen: Konzentriere dich auf das schon vorhandene Gute und investiere darin, es noch besser zu machen. Denn der Feind des Besseren ist oft nicht das Schlechte, sondern das Gute – eine bittere Erfahrung, die gerade große traditionelle Organisationen in Zeiten des Umbruchs machen.

 

Wir kennen aber auch den ersten Teil dieses Vorgangs: Der Weinstock muss von Reben befreit werden, die keine Frucht (mehr) bringen. Auch davor scheuen kluge Weinbauern nicht zurück.

 

 

Georg Plank

Pastoralinnovation

www.pastoralinnovation.at

Themen & Schwerpunkte

Woran die Jugend glaubt ...

Warum der gesellschaftliche Abstieg heutzutage wahrscheinlicher ist als der Aufstieg und warum die Jugend zu dystopischen Weltbildern neigt beschreibt Bernhard Heinzelmaier.

 

 

Woran die Jugend glaubt ...

 

Der deutsche Soziologe Oliver Nachtwey spricht davon, dass wir in einer Abstiegsgesellschaft leben: Die Zeiten des allgemeinen Wohlstandszuwachses sind Geschichte. Seit den 1970er-Jahren wächst die soziale Ungleichheit. Nur die Milieus des obersten Gesellschaftsdrittels können von globalisierten und zunehmend deregulierten Märkten profitieren. Für die Mittelschichten aber ist der Abstieg wahrscheinlicher geworden als der Aufstieg; für das unterste Drittel sind Aufstiegshoffnungen fast völlig illusionär. Seit 1990 haben die untersten 40 Prozent der Gesellschaft Reallohnverluste hinnehmen müssen.

 

An die Stelle der „Fahrstuhlmetapher“ ist die „Rolltreppenmetapher“ getreten: Die kollektive Aufstiegserwartung wurde durch individualisierte Abstiegsangst ersetzt. Gespeist wird diese Abstiegsangst durch einen ständig präsenten Wettbewerbsdruck, der unausgesetzt Sieger und Verlierer produziert. Das Leben fühlt sich an, als befände man sich auf einer rasant nach unten laufende Rolltreppe, auf der man seine Position nur dann halten kann, wenn man ohne Unterbrechung gegen die Fahrtrichtung anläuft. Bleibt man nur kurz stehen, gehört man zu den Verlierern, zu den Schwachen und Langsamen und fährt ungebremst in den sozialen Abgrund, dorthin, wo die entkoppelten Schichten in ihren Plattenbauten wohnen.

 

Suche nach Halt

 

Vor dem Hintergrund dieser sozio-ökonomischen Situation ist die Jugend nicht von Glaube und Hoffnung erfüllt. Nicht Utopien und lichte Visionen bestimmen das Leben, sondern die ständige Suche nach Halt. 75 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sehen sich primär mit der Suche nach Stabilität im Leben beschäftigt. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil der Halt-Suchenden lediglich bei 60 Prozent.

 

Der im Vorjahr verstorbene Philosoph und Soziologe Zygmund Bauman konstatierte den Hang der Menschen – insbesondere der Jugend – zu dystopischen Weltbildern: Die Zukunft wird als Katastrophenzeit gedacht. Dem Untergang kann die Gesellschaft nur entgehen, wenn sie umkehrt, wenn sie sich an der Vergangenheit, an den alten Werten und Gewissheiten orientiert, meinen die Jungen. Von der Utopia des Fortschrittsoptimismus zur Retrotopia des Zukunftspessimismus. Die Werteforschung spricht vom massenhaft auftretenden Bedürfnis nach „Regrounding“, der Suche nach Sicherheit und Stabilität bei alten Werten, Regeln und Konventionen.

 

Spiritualität: Eine Sache der Oberschicht

 

Doch melancholischer Vergangenheitslust und nagende Zukunftsangst führen die Jugend nicht zu Gott. Die Daten der deutschen Shellstudie 2015 weisen aus, dass lediglich für 33 Prozent der Unter-30-Jährigen der Glaube an Gott „sehr wichtig“ ist. Für 46 Prozent ist er sogar „unwichtig“. Auch für 33 Prozent der katholischen und für 41 Prozent der evangelischen Jugendlichen ist der Gottglaube irrelevant. Nur die muslimischen Jugendlichen sind anders. Unter ihnen ist der Glaube an Allah für 76 Prozent bedeutsam.

 

Und die Spiritualität, der Supermarkt der Esoterik? Ist eine Angelegenheit der postmaterialistischen Oberschicht. Für sie sind Yoga, Ayurveda, Meditation, Neobuddhismus ein Thema. Die Jugend der Mittel- und Unterschichten ist hingegen „adaptiv-pragmatisch“. Das bedeutet, sie lebt im Hier und Jetzt und versucht, aus der unmittelbaren Gegenwart das Beste zu machen. Die Vergangenheit schnell vergessen und sich mit der Zukunft erst beschäftigen, wenn sie da ist. Das ist die „coole“ Gesinnung der jungen „Egotaktiker“. Alles aus der Gegenwart herausholen was geht, denn die Zukunft ist ungewiss. Und das ewige Leben nach dem Tod? Wäre schön, ist aber eher unwahrscheinlich.

 


 

 

Bernhard Heinzlmaier ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und Hamburg. Hauptberuflich leitet er eine Agentur in Hamburg, die sich u. a. mit Jugendpolitik, Freizeitforschung und jugendkulturellen Trends befasst.

 

 

www.jugendkultur.at

www.jugendkulturforschung.de

 

Erschienen in: "miteinander" | Jahrgang 2018 | Ausgabe September/Oktober 2018

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