Freitag 24. November 2017
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"Jedes Ziel ein neuer Anfang"

Was macht den Reiz des "Camino" aus?

Der Kabarettist Wolfgang "Fifi" Pissecker wollte es wissen. Ein Erfahrungsbericht.

 

732 Kilometer zu Fuß alleine durch Nordspanien. Von Pamplona nach Santiago de Compostela. Mit 14 Kilogramm Marschgepäck auf einem über 1.000 Jahre alten Pilgerweg. Durch Eiseskälte, durch Matsch und Regen, Unwetter, Sonnenschein und Hitze. Bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit. Erschöpfung, manchmal fast Qual.

 

Warum tut man sich das an? Einfach, um dem Hier und Jetzt für eine Zeit lang zu entgehen. Einfach einmal weg sein, frei, nur für sich selbst. Man geht jeden Tag sechs bis sieben Stunden. Und man hat sehr viel Zeit, um nachzudenken. Ein paar Gedanken, die mir am Jakobsweg durch Kopf, Seele und Herz gegangen sind, möchte ich gerne mit Ihnen teilen.

 

Auf dem Weg zu mir 

Wo beginnt der Weg nach Santiago de Compostela? Beginnt er im Kopf oder im Herz? Mit dem ersten Schritt? Oder wenn man über seinen Schatten springt? Für mich beginnt der Weg mit all diesen Fragen in Pamplona, dem Ziel meines Anfangs. Und zugleich wird mir schlagartig bewusst, dass mein nächstes Ziel wieder ein Anfang sein wird. Ein neuer Anfang auch auf dem Weg zu mir.

 

Jeden Tag, an dem ich einen Ort verlasse, habe ich das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Nach ein paar hundert Metern überprüfe ich alles nochmal, gehe mein Marschgepäck durch und – obwohl ich alles bei mir habe – so lasse ich doch jeden Tag etwas zurück. Mein Kopf ist voller Bilder. Bilder so schön, dass man weinen könnte. Aber meine Augen sind so voll mit diesen wunderbaren Bildern, dass Tränen einfach keinen Platz haben. Dem Himmel so nah, nicht nur weil man sich auf einer Hochebene befindet.

 

Das Leben spüren 

Nach drei Wochen habe ich das Gefühl, mein Tempo gefunden zu haben. Wäre das zu Hause doch auch nur so leicht … Am höchsten Punkt meiner Reise, dem „Cruz de Ferro“ auf 1.530 Meter ist es Tradition, dass man einen aus der Heimat mitgebrachten Stein ablegt. Auch ich lege einen Stein ab und sage Danke für die bereits geschaffte Strecke.

 

Wenn es tatsächlich so sein sollte, dass der Weg das eigene Leben spiegelt, so war mir bisher nicht bewusst, wie schön, wunderbar und einzigartig es ist. Man kommt nicht nur Santiago, sondern auch sich selbst näher. Manchmal habe ich das Gefühl – trotz der schweren Last, die ich trage und die ich jetzt seit 28 Tagen am Rücken habe –, als würde nicht ich am Camino gehen, sondern als würde der Weg sich unter meinen Füßen vorbei schieben. Wie schweben.

 

Wer bin ich? 

Mein letzter Tag am Jakobsweg. Beim Gehen spüre ich gleichzeitig Anspannung und Entspannung. Es geht hinauf auf den „Monte de Gozo“, die letzte Anhöhe vor Santiago de Compostela. Ich steh dort oben, blicke auf die Stadt hinunter, und dicke Tränen rinnen über meine Wangen. Ich hab etwas geschafft, von dem ich nicht gedacht hätte, es zu schaffen. Ich bin überglücklich – und zugleich todtraurig. Ich kenn mich, aber: Wer bin ich?

 

Und dann bin ich endlich am Ziel – in Santiago de Compostela, auch „Sternenfeld“ genannt. Und im selben Augenblick wird mir bewusst, dass dieses Ziel wieder ein neuer Anfang ist. Ich weiß nicht, ob mir der erste Schritt oder die letzten paar Schritte am schwersten gefallen sind. Auf jeden Fall möchte ich mich herzlich bei meinen Füßen bedanken, dass sie mich so weit getragen haben – und bei dem Engel, der mich begleitet hat. Oder vielleicht war es ja sogar ein noch „höheres Wesen“, das dann und wann ein Auge auf mich geworfen hat …?

 

Am Schluss der Reise hab ich in den Spiegel geschaut. Ganz knapp vor dem Spiegel bin ich gestanden und hab mir ganz fest in die Augen geblickt. Und ich denke, ich schau mir jetzt ähnlicher als vor dieser Reise …

 

Und vielleicht die wichtigste Erkenntnis nach diesen 40 Wandertagen am Jakobsweg: Gott wird dich nicht fragen, was du alles gemacht hast. Er wird dich fragen, warum du so viel nicht gemacht hast. Gracias. Buen Camino!

Wolfgang Pissecker

(in "miteinander" 7-8/2013)

 

Zur Person: Wolfgang „Fifi“ Pissecker ist Kabarettist, Schauspieler und Autor. Er ist Gründungsmitglied der Kabarettgruppe „Die Hektiker“. Im Jahr 2003 pilgerte er auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Aus dieser Reise entstand sein erstes Soloprogramm „Ich kenn’ Sie! Wer sind Sie? – Erlebnisse vom Jakobsweg!“ Mehr Infos unter: www.pissecker.com

Pilgerland Österreich

Österreich verfügt über ein Netz von mehr als 3.500 Kilometern an Pilgerwegen. Hier können Sie eine Karte als pdf herunterladen.

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Buchtipp

Eigentlich will er nur zum Briefkasten. Dann geht Harold Fry 1.000 Kilometer zu Fuß ... Preisgekrönter Roman von Rachel Joyce über Geheimnisse, große Momente, Tapferkeit, Betrug & ein Paar Segelschuhe.

 

Rachel Joyce

Die unwahrscheinliche Pilgerreise

des Herold Fry

Krüger-Verlag 2012

€ 10,30

ISBN 978-3810510792

 

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