Freitag 19. Januar 2018
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Berufung in der Bibel

Unerwarteter Lichteinfall

Der alles erhellende Augenblick des späteren Völkerapostels (Apg 9,1-22) in Caravaggios Gemälde, interpretiert von R. Pallin.

 

Ein Künstler des Lichtes ist er gewesen, Michelangelo Merisi (1571 – 1610), Caravaggio genannt. Einer, der fasziniert war von den Offenbarungen, die das Licht schenkt, wo es erwartet oder unerwartet einfällt in den Alltag, in den gewohnten Lauf des Lebens. Meist ist der Einfall dieses Lichts nicht eindeutig zu bestimmen; seine Quelle liegt außerhalb dessen, was der Maler, was die Betrachtenden erfassen können. Nur seine Wirkung ist wahrzunehmen: Es trifft, leuchtet aus. Es entzieht dem Verstecken und dem Bann der Dunkelheit; es legt bloß und umhüllt zugleich; es zeigt, was ist, und verändert alles; es beleuchtet das Äußere und erleuchtet doch von innen her.

 

Und dann dieses Pferdebild. Als ob Caravaggio in die Mitte der „Bekehrung des Paulus“ nichts anderes stellen hätte können als den mächtigen Pferdekörper, der wie eine Breitbildleinwand Licht und Schatten aufnimmt, als Reflexionsfläche ablenkt von der Herkunft des Lichts. Dabei ist von einem Pferd überhaupt nie die Rede in den neutestamentlichen Hinweisen auf diesen alles entscheidenden Augenblick im Leben des Saulus/‌Paulus.

 

Vom Licht getroffen 

Dass er zu Boden stürzt, ja. Und so liegt der vom Licht Getroffene in Caravaggios Bild auch am Boden, mitten im Durcheinander der Beine des Pferdes und derer des Begleiters, der nicht einmal zum Gestürzten schaut, sich nur um das reiterlose Pferd kümmert. Dieses immerhin wendet den Blick auf den am Boden Liegenden, der getroffen, aber überhaupt nicht verletzt wirkt. Er streckt seine Hände empor – wo andere sehen, sucht er nur mehr zu begreifen. Mit geschlossenen Augen scheint er mehr zu sehen als sein Begleiter, der mit bedächtiger Miene und kraftvollem Griff das Alltägliche tut. Auch die Apostelgeschichte erzählt ja von den Begleitern, sie wären zwar, vom Licht getroffen, wie er zu Boden gestürzt, hätten aber die Stimme dessen nicht gehört, der sich Saulus so unerwartet lebendig in den Weg stellte. Oder sie hätten sogar eine Stimme gehört, aber niemanden gesehen.

 

Für seine Begleiter geht der Alltag weiter. Für Saulus ist nichts mehr so, wie es war – oder besser: Er ist nicht mehr der, der er war. Leidenschaftlich hat er die verfolgt, die offensichtlich in Frage stellten, was ihm in seinem Glauben an den lebendigen Gott Israels wichtig war: den Glauben an den einen Gott, der der Herr über alles Leben ist, der Israel eine einzigartige Lebensweisung gegeben hat, der Gerechtigkeit fordert von allen, die von Ihm Leben erhalten und erhoffen. Musste Saulus nicht die verfolgen, die verkündeten, der als Gotteslästerer hingerichtete Jesus sei Sohn Gottes, er lebe und nur in Ihm sei das Heil zu finden?

 

Er, der voll Zorn so viele verfolgt hat, für ihren Tod eingetreten ist, der den Namen Jesu auslöschen wollte mit jedem seiner Jünger und Jüngerinnen – er liegt jetzt am Boden. Er ist nicht erschlagen, liegt wie geborgen – offen, zu empfangen. Seine Augen sind geschlossen wie die eines Schlafenden, eines Blinden vielleicht – aber die ausgestreckten Hände, der wehrlos offene Leib, alles ist Sehnsucht auf den hin, den er schaut, dessen Wort er vernimmt, dessen Gegenwart er atmet.

 

Ein neues Leben 

Danach wird er zunächst ein Geblendeter sein – geblendet von der lebendigen Gegenwart dessen, den er nicht mehr verleugnen kann, den er sein Leben lang zu erkennen suchen wird, der lebendig immer mitgesagt sein wird, wenn er betet: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig!“ Die Gläubigen, die Saulus verfolgt hat, werden ihm nur zögernd vertrauen – dass sie es überhaupt können und auch für ihn an ein Neuwerden glauben, wird ihm neu bezeugen: Gott, der Lebendige, der Jesus von den Toten auferweckt hat, führt unser Leben – auch „unerwartet“.

 

Die Begegnung mit Menschen, die an Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn glauben und mit Ihm verbunden leben, diese Begegnung schenkt Paulus, dass er wieder sehen kann, beginnen kann, den neuen Weg, den er zuvor verfolgt hat, selbst zu gehen. Es wird ein Weg der Beziehung sein, der immer gebunden bleibt an den entscheidenden Augenblick; der immer wieder „zurückführt“ in die Begegnung mit Jesus, dem Auferstandenen. Ein Weg in eine neu geschenkte und zu erringende Freiheit, geführt und gefügt zugleich.

 

Zu diesem Bild, in dem Caravaggio nicht nur den Augenblick der Begegnung in der Bekehrung des Paulus gemalt hat, gibt es kaum treffendere Worte als die der französischen Sozialarbeiterin und Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904-1964): „Ein entscheidender Augenblick, der uns abkehrt von dem, was wir über unser Leben wissen, damit wir Aug in Aug mit Gott, von Gott erfahren, was er davon hält und daraus machen will. In diesem Augenblick wird Gott für uns zum Allerwichtigsten; wichtiger als jedes Ding, wichtiger als jedes Leben, selbst und vor allem das unsrige. Ohne diesen höchsten, überwältigenden Primat des lebendigen Gottes, der uns einfordert, seinen Willen unserem Herzen vorstellt, gibt es keinen lebendigen Glauben. Aber wenn diese Begegnung das blendende Hingerissensein unseres ganzen Ich zu Gott ist, dann muss es, um völlig wahr zu sein, doch auch völlig dunkel sein. Den lebendigen Glauben haben, heißt, von ihm geblendet sein, um von ihm gelenkt zu werden.“[1]

Raphaela Pallin

 

Dr. Raphaela Pallin studierte Theologie in Wien, Salamanca und Rom, arbeitete in der Krankenhausseelsorge und bis 2015 als Assistentin am Institut für Theologie der Spiritualität an der katholisch- theologischen Fakultät der Universität Wien. 



[1] Zitiert nach: Annette Schleinzer, Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe. Das Lebenszeugnis von Madeleine Delbrêl, Ostfildern 22001, 86.

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